Feinstaub, Arbeitswelt und Breitband-Internet

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Die Europäische Union verwarnte Deutschland schon häufiger wegen wiederholter Überschreitung von Luftverschmutzungsgrenzwerten in faktisch allen Großstädten, just in diesen Tagen kam die “letzte Warnung” aus Brüssel – nicht nur an Deutschland, sondern auch an Frankreich, Italien, Spanien und England. Vertragsverletzungsverfahren laufen bereits gegen zwölf weitere Mitgliedsstaaten. In Stuttgart galt der Feinstaubalarm bereits 2015 für volle 72 Tage, die Nahverkehrsbetriebe haben bereits ein “Feinstaub-Ticket” (Erwachsene können während des Feinstaub-Alarms zum halben Preis fahren) fest ins Angebot aufgenommen.

Einer Studie der “Stiftung für Zukunftsfragen” zufolge legen 53 von 100 Arbeitnehmern den täglichen Arbeitsweg mit dem Auto zurück, 16 mit dem öffentlichen Nahverkehr (welcher häufig durch Busse realisiert wird), und weitere vier durch “Mitfahrt im Auto”. Man kann wohl davon ausgehen, dass mindestens 60 Prozent der Arbeitnehmer ihren täglichen Arbeitsweg hauptsächlich mit Hilfe von Verbrennungsmotoren bewältigen. Der durchschnittliche Arbeitnehmer ist 26 Minuten zur Arbeit unterwegs, ein Viertel der Befragten benötigt mehr als 40 Minuten. Aber der Arbeitnehmer muss ja auch wieder nach Hause, auf den täglichen Arbeitsweg entfällt also im Mittel etwa eine Stunde. Elektromobilität und ÖPNV lösen möglicherweise das Problem der Luftverschmutzung, aber trotzdem geht den deutschen Arbeitnehmern weiterhin Lebenszeit in der Größenordnung von 40 Millionen Stunden pro Tag “verloren”, für welche sie nicht entschädigt werden.

Seit einigen Jahren wird der Ruf nach staatlicher Förderung laut, wenn Telekommunikationsunternehmen nicht umgehend schnelles Internet liefern können. Kritische Stimmen fordern gar eine Übernahme der Internet-Infrastruktur durch den Staat und eine garantierte Mindestgeschwindigkeit (gerne jenseits der 50 MBit/s, am liebsten Gigabit), da ein schneller Internetanschluss heutzutage angeblich so wichtig wie Strom oder fließendes Wasser sei. Jenseits einer Grundversorgung mit Informationen und Zugang zu Dienstleistungen verkommt der schnelle Internetanschluss zur “Konsum-Infrastruktur” für Online-Streams, Online-Shopping und Spiele. Konsum ist Privatvergnügen, der Staat bezahlt ja auch nicht den Bus zum Kino, warum sollte er Gigabit-Leitungen bezahlen, damit wir alle mehrere 4K-Streams gleichzeitig konsumieren können? Ich lehne es ab, mit meinen Steuergeldern den Ausbau von Konsum-Infrastruktur zu finanzieren.

Wahrscheinlich würden sich die Probleme der Umweltverschmutzung durch den Verkehr sowie des täglichen Verlustes von Lebenszeit durch Fahrten zum und vom Arbeitsplatz deutlich einfacher lösen lassen, wenn ein größerer Teil der Arbeitnehmer häufiger über schnelle Internetanschlüsse von zu Hause aus arbeiten könnte. Viele Arbeitsplätze sind Bildschirmarbeitsplätze, welche bei ausreichender technischer Ausstattung in vielen Fällen auch zu Hause stehen könnten. Aus eigener Erfahrung neigen die meisten Arbeitgeber dazu, Telearbeit nicht anzubieten oder gar zu verhindern, der gesellschaftliche Nutzen ist meiner Ansicht nach aber als höher einzuschätzen. Daher schlage ich folgenden Handel vor: Ihr baut mit meinen Steuergeldern überall schnelles Internet aus, damit die notwendige Infrastruktur existiert, dafür zählt der Arbeitsweg ab sofort zur Arbeitszeit. Wenn der durchschnittliche Arbeitnehmer eine Stunde zur Arbeit und zurück braucht, muss er ab morgen nur noch sieben Stunden arbeiten. Wer von zu Hause arbeitet, muss acht Stunden arbeiten.

Nach einer solchen Regelung würden wahrscheinlich plötzlich sehr viele Betriebe merken, wie gut Telearbeit doch funktionieren und wie viel Geld man dadurch sparen kann.